MTM Audi S3
Wirkung scheint der Audi S3-mtm bereits im Stand zu zeigen. Zumindest wandern die Blicke der nebenstehenden Ampelpartner skeptisch und hektisch zwischen den roten Bremssätteln und dem mit nicht minder kolorierten Sechspunktgurten an den Recaro-Schalensitz gefesselten Fahrer hin und her. Wie hoch jedoch der Wirkungsgrad des weit reichend modifizierten Vierzylinders unter der Fronthaube ist, vermag auch der beste Fachmann bei äußerlicher Betrachtung des pausbackigen Kompaktsportlers nicht mal im Ansatz zu erahnen. Der Blick auf die Rechnungssummen gibt hingegen schon einen weiter führenden Hinweis darauf, daß sich in den Werkstättenbei mtm im bayerischen Wettstetten geradezu Dramatisches vollzogen haben muss. Kolben, Kurbelwelle, Pleuel, Lager, Zylinderkopfdichtung – nahezu kein Stein bleibt im Motor mehr auf dem anderen. Weiterhin halten zwei spezielle Metallkatalysatoren, neue Gusskrümmer, ein anderer Turbolader, ein modifizierter Ansaugtakt und eine geänderte Einspritzanlage unter der unscheinbaren Kunststoffabdeckung des Fünfventilers Einzug. Allein die Umbaukosten für den Motor belaufen sich somit auf über 20 000 Euro. Damit verfehlt der Über-S3 zwar preislich unvermeidbar das anvisierte Ziel: „Wir wollten das Potenzial des S3 auf das eines BMW M3 heben", so Firmenchef Roland Mayer. In puncto Fahrdynamik und Leistung trifft die gelbe Gefahr jedoch genau ins Schwarze. Wenngleich auf Grund der technischen Gegebenheiten die Charakterzüge des Audi vollkommen anderer Natur sind als beim BMW. Unter 3000 Touren macht der auf knapp zwei Liter Hubraum erweiterte 1.8-T Motor nämlich nicht allzu viel Anstalten, die 1430 Kilogramm schwere Fuhre zügig in Schwung zu bringen. Das kurz darauf folgende, laszive Hauchen des im Vergleich zur Serie deutlich voluminöseren KKK-Laders gibt dann aber sozusagen den Startschuss zur Freisetzung der für diese Fahrzeugklasse ungeahnten Urgewalten: 480 Newtonmeter bei 4900 Umdrehungen. Der Schlag des Turbos kommt mit der Kelle, und zwar plötzlich - was bei einer Literleistung von 190,8 PS/L auch nicht anders zu erwarten ist. Dafür hält der Schub unvermindert und mit durchdringender Vehemenz bis über 7000 Umdrehungen an. Das etwas träge Ansprechverhalten des großen Laders trägt noch weitere Früchte: Nach jedem Gangwechsel gönnt sich der S3-mtm eine kleine Verschnaufpause, bis der Ladedruck (maximal 1,55 bar) wieder in voller Blüte erstrahlt und der fulminante Schub in eine weitere Runde geht. Dass die Gewalt des Fünfventilers nicht in blauen Reifendunst aufgeht, dafür sorgen die Annehmlichkeiten des serienmäßigen Allradantriebs und die vorsorglich montierte Sintermetallkupplung. Im Klartext reißt es den Audi bei der Beschleunigungsmessung förmlich von der Stelle. 4,5 Sekunden genügen, um sich aus dem Stand auf 100 km/h zu torpedieren - knapp eine Sekunde schneller als ein M3. Die 200-km/h-Nuss knackt der erlesene, über 75 000 Euro teure Kompakte in einer Zeit von 17,2 Sekunden - mehr als drei Sekunden früher als das auserwählte Zielobjekt. Der preisliche Höhenflug des mtm-Derivats hat neben den tief greifenden Modifikationen am Motor aber noch weitere Väter, wie beispielsweise die erwähnte Bremsanlage. Die Scheiben und Sättel entstammen größtenteils dem Porsche-Regal. Die Adaption der Brembo-Komponenten macht sich bezahlt. Schließlich wollen die 376 Pferde auch gebührend gezügelt werden. Und mit Verzögerungswerten von 10,3 m/S2 im kalten und 10,6 m/S2 im warmen Zustand wird der Audi seinem Anspruch eines weit entwickelten Hochleistungssportlers voll und ganz gerecht. Zudem brilliert die Bremsanlage mit Perfektion bei Ansprechverhalten und Druckpunkt. Und trotz der gelochten Scheiben nerven auch kein Quietschen und kein Brummen. Den bei gerader Fortbewequng vorherrschenden Genuss ohne Reue bestätigt die bayerische Züchtung in ähnlich beeindruckender Art auch auf kurvigem Terrain, wie die Punktlandung in Hockenheim zeigt: Nach 1.17,6 Minuten hat der BMW M3 eine schnelle Runde absolviert. Nach 1.17,6 Minuten kreuzt der mtm Audi die Ziellinie - Respekt. Auch das Zustandekommen dieser Rundenzeit verdient eine tiefe Verneigung vor den Tuning-Arbeiten. Denn das in Höhe und Härte einstellbare Fahrwerk zeigt nicht nur Nehmerqualitäten wenn es um ausreichend Komfort geht, sondern kommt auch mit den Anforderungen auf der Rennstrecke bestens zurecht. Als würde die Leitschiene der guten, alten Carrerabahn die Führung übernehmen, lenkt der S3-mtm resolut in jegliche Kurvenradien ein. Die zackigen Richtungsänderung gehen im Grenzbereich neutral bis minimal untersteuernd vonstatten. Und beim Herausbeschleunigen kann er in puncto optimaler Traktion noch auf eine weitere Besonderheit zurückgreifen: eine variable Regelung der elektronisch beaufschlagten Haldex-Kupplung des Mittendifferenzials. Durch ein Potenziometer in der Mittelkonsole lässt sich die Sperrwirkung nämlich stufenlos vorwählen. Das wahre Wesen des S3 mtm steckt eben im Verborgenen, nicht im oberflächlichen Schein der mit einer wuchtigen Frontschürze ausstaffierten Karosserie. Um dies zu ergründen, erfordert es schon einer tief gründigeren Betrachtung, als einen lapidaren Blick durch die grazilen Speichen der schmucken, geschmiedeten 19-Zoll-Felgenzu werfen.
Jochen Übler
| Hubraum ccm |
1971 |
| Leistung (PS/kW) |
376/276 bei 6700 U/min |
| Drehmoment (Nm) |
480 bei 4900 U/min |
| Gewicht (kg) |
1430 |
| Leistungsgewicht |
3,8 kg/PS |
| Beschleunigung 0–100 km/h |
4,5 s |
| Beschleunigung 0–200 km/h |
17,2 s |
| Vmax |
282 km/h |
| Preis Euro |
73.626 |
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